SPÄTSTIL
für Knabensopran, Alt, Klarinette, Violine, Akkordeon und Orchester (39:45, 2025/26)
In „Spätstil“ werden zwei Texte vertont: die Gedichte „Gemeinsam“ von Rose Ausländer und „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin. Ausländers Gedicht entstand 1984, Hölderlin schrieb seine Verse 1805. Beiden gemein ist, dass es sich um Spätwerke handelt (auch wenn die Dichterin noch vier Jahre, der Dichter fast vier Jahrzehnte lebte).
„Spätstil“ besteht aus sechs Sätzen, in denen in abwechselnder Reihenfolge Verse aus den beiden Gedichten ineinander verschränkt erklingen. Alle Sätze sind mit Überschriften versehen:
I - Vom Gehen im Freien
II - Strophe I
III - Vom Segen der Erde
IV - Strophe II
V - Vom Taumeln und Drehen
VI - Hälfte des Lebens | EDL
Der letzte Satz (VI) trägt als Überschrift den Titel des Hölderlin-Gedichts: „Hälfte des Lebens“, sowie das Kürzel EDL. Die Abkürzung EDL steht u.a. für „Edit Decision List“ und ist ein Begriff, der seit der Frühzeit des nicht-linearen Videoschnitts existiert. In einer EDL werden alle relevanten Daten, die während des Montage-Prozesses der bewegten Bilder anfallen, gespeichert, so dass nach Beendigung des Schnitts das gesamte Projekt (z.B.) in der finalen hohen Auflösung ausgespielt werden kann. Eine EDL beinhaltet also alle Timecodes der Clips, Ausschnitte und Töne, die aus der Fülle des vorliegenden Gesamtmaterials ausgewählt wurden und das eigentliche Werk, den finalen Schnitt in seiner finalen Auflösung mit seinem finalen Colorgrading etc, entstehen lassen. Selbstverständlich existiert sehr viel mehr Material, das unberücksichtigt bleibt! Aber die EDL sorgt dafür, dass aus der unüberschaubaren Menge an Klängen und Bildern genau das Werk entsteht, das der Editor entstehen lassen will. -
Ob und inwieweit im menschlichen Dasein „EDLs“ eine Rolle spielen, ist reine Spekulation. Vielleicht sind jegliche Versuche unterschiedliche Verfahren aus der digital-technischen Bildwelt ins „reale“ Leben zu übertragen und metaphorisch aufzufassen, von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Sie haben dennoch den Vorteil der Deutlichkeit und damit verbunden die Kraft Ordnungen herzustellen - und seien es virtuelle, insbesondere dann, wenn diese in ästhetische Ordnungen (zurück)übertragen werden sollen. Oder anders: die Fähigkeit Ordnungen zu erzeugen, ist eng verwandt mit dem Bedürfnis nach „Sinn“. Dem Leben eine „Edit Decision List“ zugrunde zu legen, ist zutiefst problematisch und erinnert stark an die Prädestinationslehren, die im Laufe der Kirchengeschichte mehrfach entwickelt wurden (Augustinus, Orbais, Calvin, Karl Barth etc). Dem gelebten Leben im Nachhinein Sinn zu verleihen, ist nicht nur verständlich und „menschlich“, sondern dient einfach der Einsicht, dass ein anderes Leben nicht (mehr) gelebt werden kann und es daher wenig Sinn macht das gelebte Leben im Nachhinein zu beklagen (- es sei denn, das Leben wird als vollkommen wert- und sinnlos valorisiert und dem Suizid ausgeliefert). Eine „Edit Decision List“ andererseits zu Beginn des Lebens zu postulieren und sich selbst dieser zu unterwerfen, setzt den Glauben an einen höchsten „Editor“ voraus, der alle „Decisions“ für einen vornimmt. Edit Decision Lists dieser Art sind nur mit totaler Unterwerfung unter einen höchsten Editor (u.a. als „Schicksal“, „Gott“, „Supremum“ bekannt) denkbar, der mit allem was er entscheidet RECHT HAT. Selbst dann, wenn das Individuum niemals in der Lage sein wird sämtliche Entscheidungen, die der suprematistische Großeditor vornimmt, zu begreifen und mehr als ein „WARUM? Gott!“ zu stammeln in der Lage ist. Die Folgen dieser Prädestinationen sind verschiedenfarbigste, menschliche Fatalismen: sie allesamt sind vorauseilende, psychologische Schutzmaßnahmen um mit jeglichen Wendungen eines sich real einstellenden Lebens, das keineswegs mit einem individuell ersehnten und gewünschten übereinstimmt, zufrieden zu sein. Immerhin kann, so die Annahme, ein fester Glaube an die individuelle Prädestination möglicherweise da Sinn generieren, wo der menschliche Geist keinerlei Sinn zu entdecken in der Lage ist. Sinn entsteht in diesem Fall dadurch, sein Leben in andere, weit mächtigere als die eigenen Hände zu legen und sich dem Supremum mit allem was „man“ besitzt, anzuvertrauen. Auch wenn dem aufgeklärten, modernen Bewusstsein diese Art passivistischer Sinngenerierung ein Gräuel (sic) sein muß, so hat sie den Vorteil der Deutlichkeit und damit verbunden die Kraft Ordnungen herzustellen. Sinn in einem Leben zu generieren, das ansonsten völlig sinnlos erschiene, ist eine extrem wertvolle und „sinnvolle“ Angelegenheit. Gelingt es Sinn zu generieren, selbst da wo Sinn sich nicht „von selbst“ einstellt, ist der Verzweiflung über ein falsch gelebtes Leben, Einhalt geboten. Generative Sinnproduktion dient mentaler Selbstimmunisierung gegen die Gefahren eines als bedrohend und bedrückend wahrgenommenen, selbstentfremdeten Lebens. Eine erfolgreiche Sinngenese macht idealerweise blind für die Dinge, die das Leben (ansonsten) lebensunwert erscheinen lassen. Oder sie erscheinen nicht mehr als „lebensunwert“, so dass mit ihnen gelebt werden kann. Die gelebte Fähigkeit zur Herstellung von Ordnung ist der zentrale Prozess, der Sinn generiert - geordneter Sinn in einem ansonsten haltlosen Leben. Ordnung und Sinn sind die beiden interdependierenden Seiten der gleichen Medaille. Ja, Sinn dieser Art ist die Voraussetzung für alles, was mit „Zufriedenheit“ oder „innerem Frieden“ assoziiert ist. Sinn entsteht nicht ohne Ordnung; Zufriedenheit ist ohne Ordnung nicht zu haben, und Ordnung nicht ohne Analyse und Übersicht. Analyse und Übersicht erzeugen Sicherheit, auch wenn sie viel Mut erfordern (anderenfalls entstünde ein Scheinsinn, der sich mit Halb-und Viertelwahrheiten zufrieden gäbe und bestenfalls mentaler Bequemlichkeit dient). Mut zu Übersicht und Analyse ist der Anfang von Einsicht. Einsicht und Übersicht sind nicht nur begrifflich miteinander verwandt. -
Sofern in der „Hälfte des Lebens“, die mit Innehalten und Nachdenken-über verknüpft ist, Mut und Einsicht zueinanderfinden, so sind Hölderlins Verse der Beweis für das verheerende Gegenteil: nirgendwo ist die Hälfte des Lebens deutlicher mit spürbarem Verlust von Mut und Zuversicht gekoppelt als hier. Obwohl das Maß an poetischer Durchdringung des Sicht- und Spürbaren, an Willen zu Erkenntnis und Beschreibung des von anderswoher Durchscheinenden, an Formulierung brüchig-doppelbödiger Wirklichkeit einen kaum erträglichen Grad an Intensität erlangt hat, ist das Ergebnis weder „Zufriedenheit“ noch „innerer Friede“. Im Gegenteil: man ist geneigt zu fragen: wie hält jemand, der diese Wahrheiten poetisch auszudrücken vermag, sein (Dichter)Leben aus? Es sind ja nicht „Höllenbilder“, expressionistisch übertriebene, die er uns zumutet, im Gegenteil: die Welt, die Hölderlin beschreibt, ist schön. Traurig und bedrückend schön. Traurig vor allem deswegen, weil sie hermetisch ist und keinen Ausweg kennt. Und schön, weil die heraufbeschworenen Bilder dem Leser zwar als bedrückend erscheinen mögen, er aber - durch Jahrhunderte vom Dichter getrennt - deren bedrückende Schönheit als Ausdruck höchsten Könnens genießen darf. Ausdruck von berückend-bedrückender Schönheit zu genießen ist aber etwas gänzlich anderes als Bedrücktheit (und sei sie noch so schön) in persona aushalten zu müssen. Das Leid des Einen beschert dem Anderen Genuss, - sofern es in höchster ästhetisch-transformierter Vollendung vorliegt, wie hier. Hölderlins alternativloser Mut - oder ist es Zwang? - zu Einsicht und vollendetem Ausdruck verdichten sich zu einmaligen Versen, die in ihrer bestürzend-vollkommenen Einmaligkeit aufdringlich werden. Aufdringlich, weil sie sich dem Empfindsamen auf immer einprägen. Niemals wird dieser Verse wie jene vergessen können. Alle übrigen geneigten Leser - vom Leben und Wirken des Dichters durch Jahrhunderte getrennt - bleiben trotz aller sentimentalen Rührung stets in ausreichendem Abstand zu ihm, mental, historisch, ästhetisch, d.h. in der Gewissheit selbst ungefährdet zu sein.
Völlig anders die Verse von Rose Ausländer. Auch ihre Biographie ist eine massiv gefährdete, aber die Gefährdung ist von gänzlich anderer Natur als die Hölderlin’sche. Von vielen individuellen, politischen und lebensbedrohenden Ereignissen geprägt, wird Schreiben auch für sie zur Überlebensnotwendigkeit. Das Czernowitzer Ghetto und den NS-Terror 1941-1944 mit Mühe und Glück überlebend, schreibt sie in der Skizze „Alles kann Motiv sein“ 1971: „Getto, Elend, Horror, Todestransporte. In jenen Jahren trafen wir Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei Verhaltensweisen: Entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben. Überleben.“
Ordnung und Sinn entstehen hier gänzlich anders. Hat Hölderlin mit sich selbst mehr als genug zu tun und ist unabläßig damit beschäftigt das, was ihn quält und martert in Verse zu übertragen, die mehr sind als wohlfeile „Stimmungsbilder“, so besitzen Rose Ausländers Verse etwas ganz anderes. Dieses Andere könnte man bezeichnen als Resilienz und unbändigen Lebenswillen. Der hier zum Ausdruck kommende, unfaßliche Wille zum Widerstehen, die Kraft der drohenden Vernichtung etwas entgegenzusetzen, das Können dem vollkommen Ausweglosen seine erstickende Irreversibilität zu nehmen, dem NICHTS ein ALLES entgegenzuhalten, nämlich die Freiheit von Denken und Sprache, ist absolut bestaunenswert! Nicht nur weil das versteckte Kellerdasein jeden Moment brutal enden könnte, sondern weil auch die andauernde Todes-Bewusstheit jede Lebendigkeit schon vor dem physischen Tod zu ersticken, ja ihn herbeizulocken droht. Aber auch das wird überwunden und etwas Anderes erhält Platz. Dieses Andere ist die „Übersiedelung in eine geistige Wirklichkeit“. Inmitten der Kellermauern wird Überleben ermöglicht durch Ordnung und Sinn, durch Sprachordnung und Sprachsinn. Gegenwelten. Gedankenfreiheit. „Schreiben war Leben. Überleben.“ Schreibt die Dichterin drei Jahrzehnte danach.
Auch wenn Ausländer und Hölderlin in der Beschäftigung mit Wort und Sprache existenzielle Bedrohungen zu kompensieren versuchen, so sind die Bedrohungen, die jene erzwingt, nicht die gleichen. Diese Verschiedenheit entdeckt man in der Faktur der Verse. Auf eine fast verstörende Weise erscheinen Ausländers Zeilen schlicht, ja naiv. Ist zu Beginn vom gemeinsamen Reisen, vom Bergsteigen und Himbeerenpflücken die Rede, die nicht zu vergessen sie uns mahnt, so fühlt man sich unwillkürlich an Primaner-Lyrik erinnert. Eine Welt, die uns aufblühen läßt, auf der wir gemeinsam unterwegs sind, in der uns ihre vier Winde gemeinsam tragen, nur um später Vernichtung über uns auszugießen, ist eine bösartige Welt. Jedenfalls ist sie eine, die es verdient mit krassen, vollkommen nicht-subtilen Gegensätzen charakterisiert zu werden. Diese Welt ist eine geteilte, ach nein, eine ungeteilte, ach nein, eine zerrissene, ach nein, doch eine ungeteilte, es ist eine, die uns aufblühen läßt, ach nein, die uns zerreißt, uns vernichtet… usw. Das Sein in der Welt, die Rose Ausländer beschreibt, ist ein Sein, das durch binäres Hell-Dunkel charakterisiert werden muss, - so scheint es. Diesem Hell-Dunkel fehlen jegliche Zwischentöne. Haltlos ist es, dieses Sein. Haltlos, weil in ihm auf nichts Verlaß ist, zumindest nicht auf das, was uns am Leben erhält. Wo bleiben Ordnung und Sinn? Beides ist nicht da. Nur erinnern können wir uns an sie. Darum geht es! Die Dichterin hat in einem Sein leben müssen, dass öffentliche Ordnung und freundliche Zuwendung nicht kannte, zumindest nicht für Juden. In einem Sein wie diesem zu überleben heißt, sich sinnlosem Hell-Dunkel auszusetzen, aber nicht um an ihm zu scheitern, es zu ertragen, aber nicht um in ihm zu ertrinken. Zu überleben und zu ertragen heißt, der schwarz-weißen Welt den Spiegel vorhalten, ihr Sein beim Namen zu nennen. Dem Sprachlosen, dem abgrundtief Bösen, der Unerträglichkeit des Seins etwas entgegenzusetzen, das standhält und durchdringt, das aufrichtet und ankommt, das hilft und heilt. Und das Einzige, was alles dies vermag, kann nur das schroff Gegensätzliche sein, das naiv Gegensätzliche, das - binär EINFACHE. Für alles Komplizierte ist kein Platz. Inmitten der bösartigsten aller bösartigen Bedrohungen, die die Juden jahrhundertelang zu erdulden gezwungen waren, ist nur das Naive stark und frei genug, Leben und Lebendigkeit zu garantieren. Dem Einfachen, dem Naiven das Wort zu geben, ihm Verse zu widmen, seine Schönheit zu beschwören, seine Integrität zu feiern, ist Ausdruck absoluter existenzieller Bedrohung. Für artifizielle Wortspiele ist hier kein Platz. Das Kunstvolle ist das Einfache, das Naive das Wahre. Dem absoluten Dunkel widersteht nur ein strahlendes Weiß. In unmittelbarer Nachbarschaft existierend, ist das Helle dem Dunklen unabläßig ausgeliefert. Aber nicht ausweglos. Die Mühe besteht darin zu beiden keine fatalistische Äquidistanz zuzulassen. Der Anfang vom Ende wäre, sich einer banalen Binarität des Hell-Dunkels zu ergeben. Voller Schwermut zwar, aber unzweifelhaft dem Leben, dem Hellen, der Freundlichkeit zugewandt, gelingt es der Dichterin uns daran, - die wir beständig angesprochen werden -, zu erinnern worum es geht: wir sind mit und in dem, was uns geschieht, nicht allein. Wir sind nicht allein, weil wir das gleiche Ziel verfolgen. Und das gemeinsam verfolgte gleiche Ziel lautet: im Hellen wollen wir leben - gemeinsam. Vergesst das nicht! Niemals! Rose Ausländers Gedicht ist von dieser einfachen Wahrheit zutiefst durchdrungen.
„Entdeckt“ habe ich ihre Verse an der Neuen Synagoge in Regensburg im August 2025. Sie sind dort als dreizeiliges, goldenes Schriftband in der Handschrift der Dichterin im kleinen Innenhof / Patio angebracht. Entworfen vom Künstler Tom Kristen (2019), schwingt sich die goldene Spirale auf Höhe der Attika um den Raum und symbolisiert eine ewige Verbindung. Die Entscheidung Ausländers Verse mit den Hölderlin’schen zu verbinden und gemeinsam zu vertonen, war eine schnelle und rein intuitive, gleichsam an Ort und Stelle getroffene. Die Musik entstand zwischen August 2025 und Februar 2026. (D.H. - 03.2026)
I - Vom Gehen im Freien
Vergesset nicht /
Freunde /
wir reisen gemeinsam /
besteigen Berge /
pflücken Himbeeren /
lassen uns tragen /
von den vier Winden
II - Strophe I
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
III - Vom Segen der Erde
Vergesset nicht /
es ist unsere /
gemeinsame Welt /
die ungeteilte /
ach die geteilte /
IV - Strophe II
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
V - Vom Taumeln und Drehen
die uns aufblühen lässt /
die uns vernichtet /
diese zerrissene /
ungeteilte Erde
auf der wir /
gemeinsam reisen.
VI - Hälfte des Lebens | EDL
- Und die Schatten der Erde?
- Lassen uns tragen von den vier Winden!