DON´T CALL RABBITS JOKEY | they aren’t | they’re sad and desperate

DON’T CALL RABBITS JOKEY | they aren’t | they’re sad and desperate
für drei Instrumentengruppen, Soundtrack und Multi-Channel-Video (23:04, 2023/25)

Gruppe 1 - (tape) Streichquartett - I
Gruppe 2 - (live) zwei Klarinetten, zwei Bassklarinetten
Gruppe 3 - (tape) Streichquartett - II

 

„Oh, ich bin ein Narr des Schicksals!“ * lautet Romeos denkwürdiger Satz, den er immer dann herausschreit, wenn er Tybalt erschlagen hat, seinen ärgsten Widersacher und Feind. Aber Tybalt hatte ja vorher Romeos besten Freund Mercutio umgebracht und daher den Tod verdient, zumindest nach den Männer-Gepflogenheiten der Shakespeare-Zeit. Kein Zweifel: nach diesen beiden Morden, - den ersten hat Romeo immerhin tapfer zu verhindern versucht -, kann kein (dauerhaftes) Glück mehr sein zwischen ihm und seiner geliebten Julia. Einmal ein Narr, immer ein Narr.

Sollte ich meine Musik hier beschreiben, würde ich sagen, sie ist - querständig (um das Wort „närrisch“ zu vermeiden). Streng kalkuliert zwar, aber neurosen-affin. Mitunter sentimental kippt sie meist rasch wieder um in ein Gegenteil. Schrill ist sie oft oder schroff. Ihre Bögen sind überspannt, die Gesten laut, manchmal manisch. Das seltene Zur-Ruhe-Kommen täuscht. Irgendein Motor springt schnell wieder an. Expressionistische Narrheit. Desillusioniert.

Sollte ich mein Video beschreiben, so würde ich sagen, es versucht gestisch etwas anderes zu sein als die Musik. Natürlich existieren zwischen beiden viele Strukturanalogien und Synchronizitäten, die die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen aneinander binden. Aber inhaltlich differieren die Medien doch. Trauer und Traum sind die szenisch-bildlichen Inhalte, die ich zu koppeln versuche mit klingend-expressionistischer Ambivalenz: am Anfang streckt uns der Hauptdarsteller die Zunge heraus, neigt dann den Kopf, um - bei deutlichem Hinsehen - das in sein Haupthaar rasierte Wort ENDE lesen zu können; anschließend überraschen exzentrische Merkwürdigkeiten, weiße KI-Hasen zappeln durchs Bild; immer wieder überflutet flammengleiches, gleißendes Gelb-Orange die Bühne, Autodafés dürfen assoziiert werden; dann geraten Farben und Formen fließend ineinander und erinnern an Lebensformen, die keine menschlichen sind; in der Mitte des Stücks tobt ein offensichtliches Gelage von dem unklar bleibt welche der vielen menschlichen Affekte und Triebe hier gerade verhandelt werden; um ganz am Ende die Andeutung einer ikonoklastischen Rebellion sichtbar werden zu lassen, die sich gegen - ja, gegen was richtet? Religion? Kirche? Hierokratie?

Nicht nur Liebende sind Narren. Besonders närrisch verhalten sich all jene, die an die Wahrheit glauben. Und daran, dass Gerechtigkeit herrschen solle auf der Welt. Wenn sich alle nur richtig anstrengen und bemühen und ihnen die Wahrheit erst einmal bekannt ist, werden sie nichts anders sein können als GUTE Menschen. So oder so ähnlich denken Narren. Wahrheitssucher und Moralisten sind sie, d.h. unverbesserliche Narren, die ihre Narrheit als allgemeines Wollen und Streben nach Menschlichkeit, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und vielen anderen Dingen, die Humanoide zu MENSCHEN machen, missverstehen. Narren sind schreckliche Idealisten und nur darum, weil sie sich selbst als „dumm“ zu inszenieren verstehen, bleiben sie am Leben. Narren sind „dumm“ und jede/r Herrscher_in, die/der was auf sich hält, hält sich „Dumme“ zu seinem/ihrem Vergnügen. Ab und zu dürfen die Dummen dann mal die Wahrheit sagen, aber immer nur so lange die Herrschenden die Wahrheit zu akzeptieren bereit sind. Übertritt der dumme Narr die unsichtbare Grenze, die seine Narretei von ernsthaften politischen Meinungen - oder schlimmer: ernsthaften Gefühlen - unterscheidet, lebt er gefährlich und meist nicht lang. Was den Narr ein wenig schützt, ist seine Kleidung. Die signalisiert von weitem: ACHTUNG - hier kommt ein Zweibeiner, der aussieht wie ein dummes Tier. Ausdrucksstärkstes Kennzeichen seiner Narrheit ist die NARRENKAPPE. Die ist bunt, hat Schellen an ihren Enden und erinnert deutlich an klingelnde Schlappohren. Die existieren in der Natur zwar nicht wirklich, aber klingelnde Schlappohren geben vor etwas zu sein, das harmlos ist. Hasen und Kaninchen z.B. haben Schlappohren (nicht-klingelnd) und die sind bekanntlich süß, schnuckelig und ganz ungefährlich - sofern man „Myxomatose“ (Kannichenpest) als ungefährlich anzuerkennen bereit ist. Schlappohren signalisieren: ich bin kein Jäger, sondern ein süßes, schnuckeliges, pelziges Beutetierchen, das immer vorsichtig und auf der Flucht ist vor Fressfeinden. Wer Schlappohren hat, ist sprichwörtlich ein Angsthase! Wer sich Schlappohren aufsetzt signalisiert: ich bin nicht gefährlich. Natürlich macht sich jeder lächerlich, der sich als Angsthase outet. So jemand ist kein Mensch, zumindest kein Mann, sondern etwas lachhaft Anderes. Etwas, das kämpferische Nicht-Angsthasen, wie es Politiker, Krieger, Bankiers, Anwälte und andere gewöhnliche Kriminelle von sich selbst annehmen, völlig unbeeindruckt lässt. Schlappohren zeigen: hier kommt jemand, der sich unterordnet und zwar mit Leib und Leben. Die Narrenkappe sagt: ich stehe ganz unten in der sozialen Hackordnung. Jeder darf mich zurechtweisen. Nur durch meine Kleidung, die „Dummheit“ signalisiert, bin ich (ein wenig) geschützt.

Till Eulenspiegel war ein Narr. Ein recht erfolgreicher dazu. Immer wieder gelang es ihm, diejenigen, die er auszunehmen trachtete, zu täuschen. Alle hielten ihn für einen harmlosen Taugenichts, von dem keine Gefahr ausgehen würde. Damit lagen sie ziemlich falsch, weil so ziemlich alle, die Eulenspiegel über den Tisch zog, am Ende dem Gelächter der Nicht-Betroffenen preisgegeben waren. Dieser angebliche Niemand hat Niemanden, egal welchen Stand oder Rang er/sie bekleidete, mit seinen „Eulenspiegeleien“ verschont. Selbst dann, wenn sein Leben bedroht wurde, konnte er das vorlaute Mundwerk nicht halten oder auf seine „Streiche“ verzichten. Im Gegenteil: seine Aktionen zeugen von Mut, Witz und einer Menge Intelligenz. Und irgendwie schaffte er es immer davonzukommen.

Ob er eine Freundin hatte? Oder in der Lage war zu lieben? Hätte er einen Satz sagen können, wie Romeo ihn im Augenblick größter Verzweiflung herausschrie (s.o.)? In einer neueren Verfilmung des Stoffs (ausdrücklich als „Märchenfilm“ gekennzeichnet) ** heißt eine Anwärterin auf diesen Titel Kathrin Lüdinghusen und die Drehbuchschreiber haben sich eine Menge einfallen lassen, damit die junge und schöne Kathrin ihren Till auch wirklich lieb gewinnen kann. Der ist nämlich, wen wundert’s, ein Halodri, also einer dem’s schwer fällt hier zu sein. Dass Kathrin ihm dennoch die Treue hält, grenzt an ein Wunder. Denn, kein Wunder, eng verknüpft mit des Helden unbändigen Freiheitsdrang ist seine mehr oder weniger offenkundige Bindungsunfähigkeit, bzw. seine ununterdrückbare Lust auch anderen Frauen schöne Augen zu machen. Sehr modern, sehr zeitgeistig und wunderbar naiv. Am Ende, nach etlichen Irrungen und Wirrungen, kriegen sich die beiden wie erwartet doch und das (Fernsehgebühren zahlende) Fernsehpublikum kann erleichtert aufatmen: Gott sei Dank, keine unnötigen dramatischen Abweichungen in Sicht - !

Die sozialistische Moderne ihrerseits hat aus Till einen Widerstandskämpfer zu destillieren versucht, der sich immer für die richtige Seite entscheidet und daraus seine moralische Überlegenheit generiert. Immerhin drei Eulenspiegel-Verfilmungen sind (m.W.) zwischen 1956 und 1976 im sozialistischen Osten entstanden. In allen drei sind Tills Unternehmungen hoch politisiert: seine „Streiche“ stehen nicht nur für anarchische Lust an Bloßstellung und Lächerlich-Machung seiner Opfer; nein, sie sind durchwegs originelle (Kleinst)Rebellionen gegen Bräsigkeit, Mief, Gemeinheit und Ausbeutungs-Furor der „Herrschenden“. Bravo, Genosse Till! *** In allen Überlieferungen (und Verfilmungen) wird sein Freiheitswunsch, der keinerlei klassenbedingte oder sonstige Unterwerfung respektiert, betont! Nichts ist Eulenspiegel so wertvoll wie seine Freiheit und Unabhängigkeit. Recht hat er damit! Nur ist diese, soviel ist sicher, ziemlich kostenintensiv, trotz seines meist spartanischen Lebenstils, weswegen er mit seinen „lustigen Streichen“ auch immer auf seine Kosten kommen muß. Das gelingt ihm ganz gut! Mehr noch: der in allen Aktionen zu vermeldende pekuniäre Mehrwert, den Eulenspiegel mit seiner Dreistigkeit erwirtschaftet, ist ein nicht zu unterschätzendes Movens „Streiche“ zu erfinden und in die Tat umzusetzen. Dass er seine Mitmenschen dabei stets einer kreischenden Lächerlichkeit preisgibt, macht ihn unbestreitbar zum berühmt-berüchtigten Helden. Dieses Heldentum ist tatsächlich bewundernswert, weil es mit viel Mut, Witz, Einfallsreichtum und persönlicher Risikobereitschaft eher ein Nebenprodukt seiner Gaunereien ist. Im Gegensatz zu den aktuellen Medien-Schlappohren, hatte es Eulenspiegel nie auf Ruhm und Bekanntheit abgesehen. Er mußte mit dem, was er tat, einfach „über die Runden kommen“. Dass ihm dies nicht nur immer wieder gelang, sondern dass sein „Geschäftsmodell“ ihm gleichzeitig unsterblichen Weltruhm einbrachte, war ihm völlig gleichgültig. Auch wenn das meiste an ihm inzwischen zu Volkspoesie geworden ist - und er eher als mythische, denn historische Figur rezipiert wird -, ist in dieser immer wieder der antiautoritäre Wunsch dokumentiert, dass nicht die Narren die Dummen sind, sondern die, die sich von Narren zum Narren machen lassen. Das Gelächter der Nicht-Betroffenen, der Schaulustigen und Zaungäste, die sich in Schadenfreude und Häme ergehen, aber täuscht! Sie - = Wir - sollten gewarnt bleiben: auch ihre/unsere bräsige Selbstgefälligkeit wird eines Tages Ziel und Opfer einer anderen, weit mächtigeren Eulenspiegelei werden.

Till Eulenspiegels Ende ist nicht überliefert. Angeblich ist er in einem Hospital der Schwarzen Pest erlegen. Genauso wahrscheinlich ist’s, dass diejenigen, die er gewissenhaft und beständig verspottete, eines Tages genug hatten von seinen Scherzen, ihn suchten, fanden und verbrannten.

Welche Kappe hatte der sich selbst bezichtigende Liebes-Narr Romeo auf? Shakespeares Drama hat diese Frage ziemlich ausführlich zu beantworten versucht! Der Liebestolle war jedenfalls närrisch genug sich selbst zu töten, nicht wissend, dass diejenige, ohne die er glaubte nicht leben zu können, sich deswegen selbst abzuschaffen suchte und keinen Trost außer im Selbstmord zu finden meinte, gar nicht tot war, wie er annahm, sondern lebte; allerdings war sie mit Hilfe eines närrischen, tränke- und ränkeschmiedenden Priesters ins Reich todähnlicher Träume geschickt worden. Diesen Umstand hielt Romeo in seinem Liebeswahn jedoch für einen echten Julia’schen Selbstmord und machte sich auf diese Weise zum Opfer seiner selbst, indem er viel zu spät erkannte - eine Reihe dilettantischer, weil misslingender Informationsübertragungen hatten die Wahrheit um Julias Scheintod verhindert -, dass die eigene Selbstabschaffung völlig unnötig ist. Es nutzte nix, Romeos fast vollzogener Selbstmord und Julias Erwachen aus todähnlicher Bewusstlosigkeit überschneiden sich zwar - ja, sie erkennen einander sogar ein letztes Mal -, aber es ist zu spät: beide sterben den von ihnen aus völlig falschen, unwahren Annahmen erstrebten Tod! Das ist zutiefst tragisch und herzergreifend. Aber wer glaubt, dass wahre Liebe ohne eine gewaltige Auftürmung großer Mengen an dilettantischer Narrheit entstünde, der irrt. „O, I am fortune’s fool!“ - Die beiden Liebenden haben das - ohne es zu begreifen! - genau verstanden und mit dem Leben dafür bezahlt. - (D.H. Nov. 2025)

 

* „O, I am fortune's fool!“ - William Shakespeare, Romeo und Julia, III.1
** - Till Eulenspiegel, Deutschland 2014
*** - Die Abenteuer des Till Ulenspiegel, DDR, Frankreich 1956
- Till Eulenspiegel, DDR 1975
- Ulenspiegel, UDSSR 1976