SCHATTENSOLO
für Trompete solo, Tape und immersives 360Grad-Video (sw, col, 23:34, 2023/25)
Ryan Carniaux, Trompete / Improvisation
Aufzeichnung im VISIODROM, Wuppertal - 27.08.2024
Vorgeschichte: SPHÄREN rauschen. Das tun sie auch in „SCHATTENSOLO". Schattenhaft sind sie, akustisch und semantisch verrauscht. Eine Decodierung durch's Publikum ist nicht intendiert. Detailreichtum und Merkwürdigkeiten besitzt das Hör- und Sichtbare. Immersiv sind die Gestalten und ihre Formen amimetisch. Digital ihre Herkunft. Prozedurale Texturen, die (fast) nichts bedeuten, mit nahezu unbegrenzter Auflösung. Nichts davon stammt aus der „Kohlenstoffwelt", die uns vertraut ist. Auch wenn sie an Pflanzen oder Lebewesen erinnern. NOISE ist das Keyword. Alles was ist, rauscht und schattet. Selbst wenn ab und zu Erkennbares auftaucht, - unklar bleibt, ob es das ist, für was es gehalten wird.
Möglich, dass NOISE mehr enthält als beim ersten Wahrnehmen erkennbar ist. Schließlich ist im Rauschen ALLES enthalten. RAUSCHEN ist das umfassendste TOTAL, das wir kennen - „weil das Medienzeitalter Gegebenheiten überhaupt durch ihr Signal-Rausch_Verhältnis definiert." Wer rauscht besitzt die Welt. Und im RAUSCH(EN) erleben wir Dinge, die sonst im Schatten bleiben. WELT ist - könnte man sagen - eine höhere Form subtraktiver Synthese. Unsere Sinne, nicht nur vom Intellekt gesteuert, sind FILTER, die dem RAUSCHTOTAL - dem CHAOS - unabläßig Informationen entnehmen, bis das, was übrig bleibt, SINN ergibt - zumindest für unser Menschenhirn. Philosophie und Tonalität sind Sinn-SYNTHESEN. Randomisiertes Filtern des immersiv-rezeptiven, semantischen RAUSCHTOTALs erzeugt ORDNUNG. Sinnvoll und sinnlich. Ernsthafte Probleme bekommen die, die nicht subtrahieren können. Die bleiben im Schatten. Selbstverrauschte Unmündigkeit sozusagen. Alles, auch das, was der Künstler NICHT weiß, ist im RAUSCHEN, das er produziert, enthalten. „Medien (incl. der in SCHATTENSOLO ästhetisch definierten) gibt es nur als willkürliche Selektion aus einem Rauschen", schreibt Friedrich Kittler. Als Hersteller des Stücks bin ich erkenntnistheoretisch nur unwesentlich weiter als Sie.
SPHÄREN rauschen. So war das schon immer - nicht nur bei Eichendorff und Rilke. Erinnerungen filtern aus ihnen was sie für erinnerungswürdig halten. Zerebral. Intrinsich. Was auch immer das ist und wie es geschieht: sie sind DA. Evoziert durch Klänge, Bilder. Düfte und Begegnungen rauschen in ihnen. Manchmal fiebernd, wie Infektionen, die nicht weichen wollen, manchmal plötzlich und erschreckend. Kältesphären. Und immer sind sie allumfassend. Semantische Immersionen. Traumräume. Kunstwerke sind Filter, die rezeptive Ordnung im RAUSCHEN zu finden versuchen: - ein Chanson der Hochrenaissance - die postmoderne Verfilmung eines Dramenklassikers - ein Rockkonzert, live aufgezeichnet, auf immer verbunden mit gelben Hochsommertagen voller Angst - Chronologie und Zeitbesessenheit, rätselhafte Riten, der TOD als Kulturspektakel, Wüste, gleißendes Licht, orangene Dämmerung, Anubisoidenkopf, Fackelgeflacker, Nacht und Bläue. -
Auftritt: das ATMENDE Subjekt. Das ist das Ding mit dem mangelhaften Bewusstsein und der bedenklichen Lebensgier. Die ORDNUNG, die es generiert, amüsiert die Götter. „Was für eine Ordnung?" kichern sie. Ihr Gelächter ist bösartig. Denn sie glauben ihr Geschöpf gut zu kennen. „Die ORDNUNG, die das arme, atmende Subjekt berauscht", so tuscheln sie, „ist - atemberaubend." Heiterkeit erfüllt den Raum. „Wir, die wir allsehend sind, sehen nur Dummheit. Und Chaos!" Zustimmendes Geraune. Alle blicken auf den Atmenden, der sich aufrichtet. „Ja, ihr habt recht", antwortet das Subjekt, „dumm und chaotisch sind wir! Und die Ordnung, die ihr verlacht, raubt mir tatsächlich den Atem!" Es hält inne, die Götter grinsen arrogant. „Aber nur aus einem Grund, den ihr nicht kennt!" Blicke blitzen hin und her. Ach ja?, fragen diese. Welcher Grund könnte das sein? „Die Ordnung, die ihr verlacht, raubt mir den Atem, weil sie - SCHÖN ist", ruft es. Die Götter schlagen sich auf die Schenkel! Gelächterwogen überschlagen sich. „Was für ein sentimentaler Trottel", kichern sie. Das Subjekt fährt fort. „Hört, Unsterbliche, und lernt dazu!" Unbeirrt klingt seine Stimme. „Der geraubte Atem verkürzt mein Sein. Ja, so ist es! Und es schmerzt mich, dass ich's ertragen muss. Denn Abschied nehmen, im Gegensatz zu euch, werde ich dereinst. Schwer zu verlassen ist's, was mit Liebe verbunden. DAS aber kennt ihr nicht. Nein! Und niemals werdet ihr's kennenlernen!" Ein Schritt nach vorn, ein wenig noch und es berührt die Götter. Die Worte kommen klar und hart: „Ihr, die ihr lacht, habt mich nicht unsterblich gemacht. Mein Sein ist kurz. Und kurzatmig bin ich! Und weil ich so bin, und weil es so ist, ist das, was es ist, nicht nur endlich, sondern atemberaubend - SCHÖN."
Das Subjekt blickt umher. Einen Moment, holt Luft. Die Götter hören auf zu kichern. Ein wenig blasiert erwarten sie den nächsten Ausbruch. „SCHÖNHEIT ist das einzige, was SINN macht. Ihr Götter dort thront schönheitsfern und wißt nur besser das, was nicht besser ist als ihr. Der ATEMLOSIGKEIT eurer Geschöpfe habt ihr nichts zu entgegnen. Im Vakuum lebt ihr! Uns aber bleibt keine andere Wahl. Schön ist alles, was DA ist, erschaffen, atembar. Dankbar sind wir. Weil wir zu erkennen wissen, dass Erkennen unmöglich ist und darum ewig währt. Uns macht das glücklich. Ihr aber in eurer Ewigkeit seid erstarrt. Wir feiern das Kurze! Entgleitet es uns, so geben wir nicht auf, sondern suchen, bis es uns wiederentdeckt! Seht her, wie schön es ist!" - Die Götter, zunächst interessiert, gähnen gelangweilt. „Ah, darum geht es", sagen sie „wieder diese bedenkliche Lebensgier!" Unangenehm berührt nippen sie an ihren Gläsern. Ambrosia kostend tun sie gelassen, aber etwas beunruhigt sind sie doch. „Könnte es sein", mutmaßen sie, „dass wir doch nicht alles von denen wissen, die wir erschaffen haben? Subjekte, die wir erschufen, haben Geheimnisse vor uns? Wie seltsam ist das denn!" Rätselnd schauen sie einander an. „Was tun und denken die sich? Am Ende halten sie uns für - überflüssig?" Ein Raunen geht durch den Olymp. „Gott bewahre!", rufen sie im Chor und lachen. Ein wenig hysterisch klingt es schon. „Gott bewahre! - Nur welcher Gott?" Göttergewieher hallt weit durch den Raum. „Welcher Gott? Hehe! Das ist gut! - Der Gott, - das sind wir!" Das alberne Gelächter ist unangenehm. „Etwas erschreckt hat uns dieser Auftritt schon," kichern sie wieder und tun nachdenklich. „Und wenn schon", rufen andere. Götterantlitze glänzen im Licht. „Unser Dasein ist ewig. Unantastbar auf alle Zeit. Was kann uns geschehen?" Das Subjekt entfernt sich langsam. Es hat gesagt, was gesagt werden muß. „DU bist es", schreien die Götter, „das sich sorgen sollte! Nicht wir!" Das atmende Ding gerät aus ihren Blickwinkeln. Beruhigt wenden sich die Allmächtigen ab und beschäftigen sich wieder mit ihren ewigen, gleichgültigen Dingen. Die sind ohne Leben und ohne Bewegung. - Ja, das sind sie. Und die Götter merken es nicht einmal. - Langsam kehrt das Rauschen zurück. Leise, knisternd, zischend, mahlend, unaufhaltsam. Nach und nach ist alles verdeckt. Wind. Regen. Nebel. Wehen. - Verklingend. - Endlich ist die Szene wieder unberührt und leer. - Rauschen. - Stille. - Dann - aus weiter Ferne - ein seltsam eindringlicher - Trompetenton. - (D.H. - Juni 2023)