PROGRAMMMUSIK
Zwei Sätze aus einer fernen Gegenwart für Orchester (30:45 - 2025)
Satz I Nebel | Licht Satz II Sonnen | Nacht
Renate Kluth herzlich zugeeignet
Erinnerung an einen frühlingshaft-sonnigen, nebligen Morgenspaziergang. Im April 1970 fand dieser statt und das ostwestfälische Südlengern war der Ort durch den wir spazierten. Der Theologe Gerhard Hahne (42), mein Vater, war der damalige Dorfpfarrer. Als passionierter Hobbyfotograf hielt er den Spaziergang in (wenigen erhalten gebliebenen) Bildern fest. Mit dabei waren neben Renate Kluth (13), Tochter seines Pfarrkollegen aus dem benachbarten Bünde, auch Albrecht Hahne (8) und Bertram Hahne (3), meine beiden jüngeren Brüder, sowie ich selbst (9). Eines der Bilder zeigt mich, wie ich - ein Fernglas umgekehrt haltend - die junge Renate Kluth betrachte. Diese beugt sich dem Fernglasgucker entgegen, denn die Umkehrung der Sehrichtung macht aus einem Gerät, das die Ferne näher rücken lässt, ein Gerät, das die Nähe in die Ferne rückt: 50 ferne Jahre später nach diesem Spaziergang sind Renate und ich tatsächlich zusammengerückt. Seit Mai 2020 verbringen wir gemeinsam unser Leben. - Beim Studium alter Fotoalben stellten wir fest, dass die gleichen 4 Fotos dieses Spaziergangs in unser beider Fotoalben enthalten sind! Mein Vater hatte dem Kollegen aus Bünde offenbar einige (selbst vergrößerte) Abzüge zukommen lassen. - (D.H. April 2025)
P.S.: Schon möglich, dass der Eine oder die Andere dies Stück als ein „Farben"-Stück interpretiert. Als solches ist es nicht komponiert worden, weil der Begriff „Farben"-Stück das, was ich musikalisch will, unzulässig verkürzt. Dennoch einige Anmerkungen dazu: In der zeitgenössischen Musik wird der Terminus „Klangfarbe" verehrt, das Komponieren mit „Farben" steht hoch im Kurs, ja, manchmal mutet das Reden darüber an als würde ein Fetisch umtanzt, der der guten alten Neuen Musik noch Leben einzuhauchen vermöchte; „neu" müssen die Farben sein und „frisch". Was auch immer „neu", „frisch" und „farbig" in der Musik sein mag: die Meinungen darüber dürften auseinandergehen. Meinerseits halte ich „Farbe" für einen hochkomplexen Parameter, der als einzelnes Phänomen gar nicht existieren kann. Farbe ist immer ein synthetisierter Parameter, der ohne andere Parameter undenkbar ist. „Farbe" existiert z.B. nicht ohne einen „Träger"-Parameter, i.d.R. die Tonhöhe, sie existiert auch nicht ohne Rhythmus und Rhythmus-Texturen, diese oft hochvolatil und komplex, sie ist nicht denkbar ohne Ausdehnung und Ausdauer und vor allem nicht ohne Harmonik. Letztere verstärkt bestimmte Farbwirkungen oder schwächt sie ab auf eine (mir) unheimlich erscheinende Weise. Farben sind nicht nur physikalisch definierte Hörphänomene, d.h. solche, die durch avancierte („neue") Spieltechniken, virtuose Instrumentationen oder durch kompositorische (instrumental-elektronische) Resynthesen physikalisch-wissenschaftlicher Kenntnisse über Formanten und Klangspektren erzeugt werden. Das alles definiert auch Farbe - natürlich. Aber „Farbe" ist darüber hinaus ein Erinnerungsphänomen, ein Allusionsexerzitium. Ein Phänomen, das an etwas Präexistentes anknüpfen will. An Etwas also, das die Hörenden mitbringen und das durch „Farbenhören" evoziert wird, - auch wenn das Evozierte u.U. nur eine „Ahnung" von etwas bleibt oder ein „Gefühl" auslöst, das kaum reflektiert ist. Was Hörende mitbringen ist unüberschaubar riesig und in den meisten Details nicht bekannt. Was genau Farben im Hörenden auslösen, ist darum kaum vorhersagbar. Aber DASS etwas ausgelöst wird, das mehr ist als ein neuartig-fremder Reiz auf dem Trommelfell, ist wesentlich. Und wesentlich ist auch, dass in „Farben" so neu und fremdartig sie anmuten können, immer auch das Bekannte mit assoziiert werden darf. Im „Farbenspektrum" erscheint auch immer das anthroposophisch Ureingesessene. Alle Farbwahrnehmung, alles Farbenempfinden und -deuten ist immer auch archaisch präexistent. Neue, frische „Farben" sind paradoxerweise nur dann neu und frisch, wenn sie dem Archaischen, dem Altvertrauten, dem Ureingessenen zum DASEIN Raum geben. Raum geben deshalb, weil nur dann so etwas wie ästhetische Spannung zwischen dem aktuell Gehörten und seiner Präexistenz im Hörenden sich einstellen kann. Ein Widerspruch, so scheint es, den aber auszuhalten seltsam viel Freude und Lust bereitet. (Dies berücksichtigend darf „PROGRAMMMUSIK" dann gerne auch ein „Farbenstück" genannt werden …)
P.P.S.: das diesem unmittelbar vorausgehende Stück (nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti) ist zwei der beiden Mitwanderer vom April 1970 gewidmet, meinen Brüdern Albrecht Hahne und Bertram Hahne. Beide leben nicht mehr. Auch „PROGRAMMMUSIK" ist ein (weiterer) Versuch mit Verlust, Traurigkeit und Trauer umzugehen.