GETAUSCHT NUR HABT | IHR DIE RÄUME

GETAUSCHT NUR HABT | IHR DIE RÄUME
Vier Lieder und ein Adagio | Addio nach Gedichten von Michelangelo Buonarotti für fünf Vokalsolisten, Violine solo und Orchester (18:53 - 2025)

meinen Brüdern Albrecht Hahne (1962-2020) und Bertram Hahne (1967-2024) gewidmet

I - Prolog (Gedicht 190 in deutscher Übersetzung) II - RIME 194 (original) III - Adagio | ADDIO IV - RIME 190 (original) V - Epilog (Gedicht 194 in deutscher Übersetzung)


Michelangelo Buonarrotti (1475-1564)

Gedicht 190 Ihr glaubt mich tot, doch dass die Welt ich tröste, leb ich mit tausend Seelen dort, an diesem wunderbaren Ort, im Herzen der Lieben. Nein, ich ging nicht fort, Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.

Rime 194 Qui vuol mie sorte c'anzi tempo i' dorma: Nè son già morto: e ben c' albergo cangi, resto in te vivo, c' or mi vedi e piangi; se l'un nell' altro amante si trasforma.

Rime 190 Qui son morto creduto; e per conforto del mondo vissi, e con mille alme in seno di veri amanti: adunche, a venir meno, per tormen' una sola non son morto.

Gedicht 194 Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf. Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume. Ich leb in euch, ich geh in eure Träume, da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.



Fremd ist der Tod. Und bitter. Obwohl doch von Anfang an klar ist, dass alles unablässig auf ihn hinströmt. Von Anfang an wissen wir, was los ist. Niemand kann sagen, er habe keine Ahnung. Wenigstens die hat jeder: früher oder später sind wir dran; nichts hält den Strom, der uns auf ihn zuschiebt, auf. Nichts. Alle erreichen ihn. Ohne wenn und aber. - Binsenweise ist das, bitter und wahr.

„Aber wir sind noch jung", sagen die Jungen. „Erst sind die anderen dran, die Alten, die Kranken". Und zerstreuen sich. „Nicht ich", sagt das verängstigte Gemüt, „erst sollen andere sterben -". „Nicht jetzt, erst irgendwann", winken die Zuversichtlichen ab. Dem Wissen entrinnen auch sie nicht, dass ‚Jetzt' und ‚Irgendwann' keinen Unterschied macht. „In ferner Zukunft, ja, dann auch wir", rufen die Lebensfrohen und vergessen sofort jede Einsicht. „Es lässt sich nicht ändern, wir wissen's", sagen die Ältergewordenen, „aber noch eine kleine Weile, Gott, lass uns hier verweilen. Es ist so schön". Aber betteln nutzt nichts. Sie wissen es. „Jetzt schon?", fragen die Greise und spüren sein Kommen. - Ergebenheit in den Tod klingt anders. Jedes Wir kommt an sein Ende! Jede Gemeinsamkeit hört auf! Fremd ist er (eingezogen) und fremd wird er bleiben. Und kalt und bitter. Und Angst einflößend. Schroff. Allein werden wir sein, wenn wir da-hinein-strömen. Da, seht ihr's? ER kommt: „Quando mi sveglio la notte, tremo di paura -"

Nun sind Albrecht und Bertram tot. 21 321 Tage lebte der eine, 20 784 Tage der andere. 1421 Tage liegen zwischen ihrer beider Sterben. Beider Lebenszeit habe ich vollständig miterlebt. Ich habe sie sprichwörtlich von ihrer Geburt an gekannt. Von uns Geschwistern bin ich der Älteste. Ihr Dasein ist nun verwandelt; sie strömen alleine weiter. -

Michelangelos Gedichte verstehe ich nicht. Ihre Fremdheit war mir immer unheimlich. Mehr noch: etwas Wärmetötendes begleitete sie, machte die Lektüre beklemmend. Immer wappnete ich mich; warum sich dieser Kälte aussetzen? - Ausgerechnet diese beklemmende Fremdheit macht sie nun zu meinem Kompagnons, zumindest zwei von ihnen. Auszuweichen, dem Gefühl erkältender Fremdheit zu entrinnen, gelingt nicht (mehr). Sich um sie herumzumogeln ist unmöglich. Zwei Brüder sind tot, werden zu Fremden, nach und nach verblassen die Erinnerungen. Ihre Leiber verwesen in niederrheinischen Gräbern. Erde bedeckt sie, ihre Lebensfreude und -freundlichkeit, ihre Lebensbejahung, ihre Lebenserfahrung. Vorbei! Vor der Zeit! Wie erträgt meine alte Mutter das? Zwei ihrer fünf Kinder sterben vor ihr. Todesfälle in falschen Reihenfolgen. Wie hält sie das aus? Hält sie das aus?

„Gerade durch das erschüttert Hingewühlte dieser einsamen Geständnisse des gewaltigen Künstlers packen sie so ungeheuer, auf eine fast außerkünstlerische, nackt menschliche Weise, unser Gemüt." ** Das schreibt Thomas Mann über Michelangelos Gedichte - fünf Jahre vor seinem eigenen Tod. Hingewühlt. Erschüttert. Einsam. Gewaltig. Ungeheuer. Nackt. MENSCHLICH. Kaum einen Superlativ läßt er aus. Er kann's nicht lassen. Die niemanden verschonende, erschütternde Gewalt des gewaltigen Renaissance-Künstlers, die der alte Dichter in den Gedichten des anderen alten Dichters wiederzufinden glaubt, muss, - das ist das mindeste -, in einem maßlos überhäuften, gewaltigen Satz auch uns Gewalt antun. Erschüttert sollen wir werden, nicht nur durch die Verse des großen Gewaltigen, der Päpste und Fürsten seinen Willen aufzwang, sondern auch durch die Sätze seines spürbar um Größe ringenden Kommentators. Und dabei handelt es sich nur um einen einzigen Satz. Was, wenn sein ganzer kommentierender Aufsatz uns so erschüttern soll? Lauter erschütternde, gewalttätig-nackte Menschlichkeit? **

Ich friere! Kann weder Herrn Mann zustimmen, - der in Michelangelo partout einen Bruder im Geiste erkennen will, insbesondere durch dessen quälend lebendige, aber unerfüllte Sexualität, die ihn auch im Alter peinigte -, noch seine überladenden Sätze ablehnen. Ich stehe ratlos vor diesen Sätzen. Weil mich Michelangelos Verse ratlos machen. Mein Verstand sagt, dass eines der größten Genies der Menschheitsgeschichte diese (Schmerz um Schmerz herausschreienden) Verse niederschrieb, hinwühlte - wie der Kommentator meint. Also müssen die hingewühlten Verse grandios sein, menschheitsgeschichtlich relevant. Aber sie erreichen mich nicht. Oder nur matt. Ihren Schmerz verstehe ich kaum. Liebe? Schönheit? Alter? (Ja doch, worum es den alten Herren zu tun ist, kapiere ich … - bin ja inzwischen selbst ein alter Herr.) Ihre Fremdheit aber bleibt überwältigend. Auch ihre Stummheit.

Und nun habe ich zwei von ihnen (190, 194) vertont. Warum? - Ich kann die Frage nicht beantworten. Zumindest nicht ohne einzugestehen, dass es nicht den einen Grund gibt, dass es vielmehr ein Bündel schmerzender Dinge ist, das mich nicht loslässt. Ich könnte zurückfragen: ist das schon Trauer? Oder was anderes? Wut? Angst? Aussichtslosigkeit? Ich erkenne, auch diese gehören zum Schmerzenbündel, das sich nicht auflösen will. Und insofern sind sie alle in die Musik hineingeraten. Trotz aller buonarrottinischen Fremdheit, die nicht verschwindet, habe ich mir das Fremde ausgesucht. Angeeignet. Habe es mir aneignen müssen; weglaufen geht nicht. Und (schau an) nach einer Weile: immer weniger fremd werden die Sätze. Sind sie nur lang genug in meiner Gegenwart, fangen sie an Sinn zu machen. Der absurden Umkehrung aller Verhältnisse zum Trotz, beginne ich ihnen vorsichtig zu folgen. Gleichsam Wort für Wort, Schritt für Schritt. Dem, was er schreibt, folge ich tapsend, aber glauben kann ich's nicht, wenn ich verstehe, was ich lese - und das ist keineswegs sicher. Aber ich beginne zu ahnen, was ihn antreibt! Poco a poco, versteht sich - einem Titanen nähert man sich vorsichtshalber, wenn überhaupt, nur langsam! - Kann es sein, lieber Michelangelo, dass Alu und Bertes tatsächlich in anderen Räumen weiterleben? Nicht nur in unseren Träumen und Herzen, wie das Klischee es will? Nicht nur in den Herzen und Träumen der Lieben(den) also? - An welchem Ort sind sie dann? „Wo seid ihr?", rufe ich. Ihr Lieben! Nur in unseren Träumen und Herzen, die wir hier bleiben mussten? Oder woanders? An welchem „wunderbaren Ort"? Im Jenseits? In welchem Jenseits? Im christlichen? Im (neu)platonischen? Im heidnischen? Welche Orte, messer Michelangelo, gibt's noch? -

Keine? - Du schweigst? - Also wirklich keine? -

Es hilft nichts. Alu! Bertes! Lebt wohl! Wir werden uns nicht wiedersehen. Das Hirn kollidiert unablässig mit dem Herzen. Der Glaube will dem Verstand nicht zuhören, und das Gemüt nicht der Vernunft. Das alles passt nicht zusammen. Aber auch Kollisionen halten warm und bringen auf Trab, musikalisch allemal. Wenigstens das. - Lebt wohl ihr beiden, lebt wohl! ADDIO. Es fällt mir schwer euch ziehen zu lassen! Auch wenn wir uns nie wiedersehen werden, - wir werden uns wiedersehen. Dereinst! In einem anderen Dasein! Gemeinsam werden wir dahin strömen! (D.H. - Feb. 2025)

** - Thomas Mann, Michelangelo in seinen Dichtungen - 1950