ASYL | Hölderlin-Fragment

ASYL | Hölderlinfragment
Für gemischten Chor, Solo-Violine und Orchester (27:00, 2025)

Tzeela Gez gewidmet, die am Tag der Geburt ihres Babys ermordet wird (14.05.2025) - und für Ravid Chaim, ihren Sohn, der seine ermordete Mutter nur um zwei Wochen überlebt (29.05.2025)

I

In seiner Fülle ruht der Herbsttag nun, Geläutert ist die Traub, Und der Hain ist rot vom Obst, Wenn schon der holden Blüten Manche der Erde zum Danke fielen.

Und rings im Feld, wo ich den Pfad hinaus, Den stillen, wandle, Ist den Zufriedenen ihr Gut gereift, Und viel der frohen Mühe gewähret der Reichtum ihnen.

Und leuchtest du, o Goldenes, auch mir, Und wehst auch du mir wieder, Lüftchen, Als segnest du eine Freude mir, wie einst, Und irrst, und irrst.

II

Beglückt, wer am sicheren Herd in rühmlicher Heimat lebt.

III

Doch heute laß mich still den trauten Pfad zum Haine gehen, Dem golden die Wipfel schmückt sein sterbend Laub, Und kränzt auch mir die Stirne, ihr Erinnerungen.

Und dass auch mir, wie anderen, eine bleibende Stätte sei, Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl.

Friedrich Hölderlin, 1799 („Mein Eigenthum") / Fragmentierung des Textes durch Hanns Eisler für dessen Lied „Asyl" (1939/1962)

 


 

Hölderlins 13-strophiges Gedicht „Mein Eigenthum" stammt aus dem Jahr 1799. Hanns Eislers Lied „Asyl", in dem ausgewählte Textzeilen aus Hölderlins Gedicht vertont sind, und das zum Liederzyklus „Ernste Gesänge" gehört, ist 1939 entstanden und 1962 veröffentlicht worden. Gehört habe ich Eislers Lied erstmals live am 13. Juni 1992 an der F.U.d.K. in Essen mit dem Bariton Stefan Wolf, der im Rahmen eines Konzerts mit dem Titel „Musik in der Emigration" auftrat. Geleitet und dirigiert hat das umfangreiche Programm der damalige Folkwang-Rektor, mein ehemaliger Kompositions-Lehrer und spätere Vorsitzende der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft, Wolfgang Hufschmidt. - Hanns Eislers Auswahl der Textzeilen, d.h. seine radikale Kürzung des umfangreichen Originalgedichts, haben mich sehr beeindruckt. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich sogar geschockt war, als ich das Hölderlin'sche Original mit der Eisler'schen Fassung verglich und bemerkte, mit welcher Radikalität der Komponist zu Werke gegangen war. Dem Schock, - der seinen Ursprung natürlich darin hatte, dass Hölderlin als unerreichten Säulenheiligen der deutschen Dichtung größte Verehrung entgegengebracht wird und sein Werk unantastbar macht -, ist bald aufrichtige Bewunderung gewichen. Und diese galt mehr und mehr dem radikalen Eingriff in die originale Gedichtstruktur. Bis heute ist das so geblieben. Alles überzählige hat der Komponist gestrichen; das von behäbiger Bürgerlichkeit befreite Textmaterial erfährt eine Unmittelbarkeit, Frische und Stärke, die den Text, kaum wage ich es niederzuschreiben, verbessert. (Ist das möglich? Oder ist es ein säulenheiligenstürzendes Sakrileg?) Schon lange plante ich eine Vertonung der radikal gekürzten Fassung. Aber das wagte ich damals nicht. Stattdessen benutzte ich Eislers Kurzfassung um daraus ein nicht-vokales Werk zu komponieren (Violinkonzert 1992/93), das der gekürzten Zeilen-Struktur folgt; immerhin war auf diese Weise des Dichters Werk stets in meinem anwesend, wenn auch nicht mit singend-erklingenden Versen. Seltsamerweise empfinde ich größte Dankbarkeit Eisler gegenüber nicht (nur) wegen seiner Musik, die er den Zeilen gab, sondern wegen seines ungewöhnlichen Mutes, das Hölderlin'sche Original von erheblichem Ballast zu befreien. Die Freiheit, die er sich nahm, Hölderlins Großgedicht radikal auf die für ihn wesentlichen Zeilen zu beschränken, ist paradigmatisch für mich geworden: die Kunst ist frei! Frei auch darin im Herrlichsten und Größten das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden. Wesentlich, welche Zeilen Eisler auswählte und welche er verwarf. Von den 13 Strophen, die das Gedicht umfasst, ist nur ein Bruchteil nach Eislers Kürzung übrig geblieben und vertont worden (s.u.). Die naheliegende Frage, warum er diese - und eben nur diese - Zeilen vertont hat und alle übrigen strich, beschäftigt meine Neugier (und spekulative Aufmerksamkeit) seit langem. Mein Interesse gilt also den wenigen Zeilen, die seinem Interesse an den übrig gebliebenen Zeilen galten. Die Frage zu beantworten, warum er so auswählte wie er auswählte, ist rechtsgültig wohl nicht mehr zu klären. Und auch die Frage, warum die Eisler-Hölderlin-Verse so lange in meinem Gedächtnis verweilten, ist nicht weniger leicht zu beantworten. - Dreiunddreißig Jahre nach dem denkwürdigen Konzert an Folkwang habe ich die Eisler'sche Hölderlin-Fassung jedenfalls ebenfalls vertont (01.06. - 23.07.2025). Während der Arbeit am Stück sind Dinge ins Bewusstsein gerückt, die meine Intuition offensichtlich lange beschäftigt haben. -

Das ASYL ist ein Ort - geographisch, seelisch, sozial, geistig, mental, metaphysisch, gesellschaftlich - an dem Verfolgung aufhört. Oder aufhören sollte. Er erlaubt den Verfolgten - wenigstens für eine kurze Zeit - dem Verfolgungsdruck zu entkommen, Luft zu holen, Kräfte zu sammeln und die Erschöpften zur Ruhe kommen zu lassen. Verfolgte sind chronisch Erschöpfte, - seien sie tatsächliche Exilanten, die vertrautes Terrain verlassen müssen um überleben zu können, oder innere Emigranten, die zu Schweigsamkeit verdammt sind, weil ihr Inneres, entäußerte es sich öffentlich, ihres Lebens nicht mehr sicher sein dürften. Solcher Art Verfolgten bleibt nichts als FLUCHT, nach innen oder außen. In beiden Fällen entstehen extreme psychisch-seelische Verformungen. Chronischer Verfolgungsdruck und chronische Erschöpfungen verändern die Verfolgten und Erschöpften radikaler als jede/r Nicht-Verfolgte und Nicht-Erschöpfte zu ahnen vermag. Jeder Versuch, sich in Verfolgte und Erschöpfte hineinzudenken, muss im Ansatz scheitern, weil Erschöpfung und Überforderung, die durch Verfolgung entstehen, nichts zu tun haben mit den allgemein bekannten, gesellschaftlich akzeptierten Müdigkeitsformen, wie sie z.B. durch Überstunden, Profitmaximierung, Burnouts oder andere psycho-soziale Überanstrengungen entstehen. Die Müdigkeit der chronisch Verfolgten ist von gänzlich verschiedener Faktur. Ihr Sein hat in einen allgegenwärtigen Müde-Sein-Modus umgeschaltet, dem jede Vorstellung nicht-müden Lebens abhanden gekommen ist, mehr noch, dem die Abwesenheit von Müdigkeit schlechterdings unbekannt ist, mehr noch, die sie - stattdessen - in den Rang totaler Seinsdurchdringung erhebt. Das Sein-an-sich ist keine bergende Hülle mehr, in der Müdigkeit erlaubt sein dürfte. Alles Sein ist - im Gegenteil - Ausdruck immersiver Bedrohung, die unablässige (und angsterfüllte) Wachsamkeit erheischt. Ein Bewusstsein, das zu chronischer Wachsamkeit verdammt ist, und dem eine nicht-verfolgte, nicht-erschöpfte, nicht-überforderte Selbstbestimmtheit verloren geht, wird krank. Das nicht mehr selbstbestimmte Sein wird zum Schein eines Bewusstseins, das aufgehört hat sich selbst ins Zentrum selbstfürsorgender Bedürftigkeit zu stellen. Gelingende Selbstfürsorge ist das Merkmal derjenigen, die nicht verfolgt sind. Die Wenigen, die dem Verfolgungsdruck entkommen, sind - darf man's sagen? - glückliche Menschen. Glückliche verharren nicht im Status nichtdurchschauter Fremdbestimmtheit. Sie entkommen ihrer Verfolgtheit deswegen, weil sie einsichtig werden. Sie werden einsichtig, weil sie ihres Müde-Sein-Müssens überdrüssig werden. Überdrüssig, weil sie sich der Bedingtheit ihrer Verfolgung bewußt werden - und ihre Unausweichlichkeit vielleicht zu akzeptieren gelernt haben. Vielleicht auch deshalb, weil ihr Geist Wege findet, Verfolgungsdruck und Müdigkeit in schöpferische Energie umzuwandeln. Wie dem auch sei: den Unglücklichen mißlingt was die Glücklichen können: gelingende Selbstfürsorge. Wie sollte gelingende Selbstfürsorge in ein unglückliches Bewusstsein einkehren können, das Bedürftigkeit als Ausdruck von Schwäche interpretiert. Schwäche deswegen, weil ausbleibende Selbstfürsorge als essentieller Mangel nicht erkannt und benannt wird. Unerkannte Mängel definieren das Sein aller chronisch Verfolgten, die ihre chronische Erschöpfung in allem, was sie tun, denken und fühlen, für die gegebene, gesetzte Realität halten. Das sie umgebende Gesetzte kann den Unglücklichen aber nichts anderes sein, als eine Verfolgungsdruck, Überanstrengung und Erschöpfung generierende Realität. In dieser ersetzt Selbstrelativierung das Selbst. Würde, Ich-Stärke, Seins-Erfülltheit geraten aus dem Blick. Der Blick auf sich selbst wird ersetzt durch den Blick der Anderen auf sie/sich selbst. Der Blick der Anderen aber ist ein desinteressierter, der Leid selbst dann nicht erkennen will, wenn es zum Himmel schreit (- wie seit dem 07.10.2023 überall beobachtet werden kann („selektive Humanität")). In Wahrheit aber ist der desinteressierte Blick mit seiner selektiven Humanität ein zutiefst hasserfüllter, der, selbst wenn er kulturell kodiert auftritt, dem Verfolgten das Leben zur Hölle macht. Tag und Nacht vergegenwärtigt, verdrängt er das gute Selbst samt seinem Selbstwert aus dem erschöpft-geschwächten Bewusstsein. Ein erschöpft-geschwächtes Bewusstsein lebt nicht nur im Modus chronischen Müde-Seins, sondern sucht auch verzweifelt nach Optionen, nicht-schwach, nicht-erschöpft, nicht-verfolgt zu erscheinen. Aber wie? Die Hölle, die dem Verfolgten das Leben vergiftet, ist der hinter scheinbarer Gleichgültigkeit glühende Hass der Anderen, der sich oft als moralisch kodifizierte politische Notwendigkeit zu inszenieren versteht (UN, IStGH, EU, Amnesty International, Klimaaktivismus etc, Spanien, Norwegen, Frankreich, u.a., die unverhohlen ein korruptes, antidemokratisches, moralisch verkommenes Terrorsystem anerkennen (PA), das reinen HASS predigt und HASS-Taten fürstlich entlohnt). Hass - und Dummheit - enden niemals. Der chronischen Erschöpftheit der Asylsuchenden entspricht der chronische HASS, der unaufhörlich ins unglückliche Bewusstsein derjenigen rinnt, die dem HASS nicht mit Hass antworten wollen. Im unaufhörlichen Rinnen des Hasses aber zerrinnt nicht nur die vielgerühmte „Menschlichkeit". In ihm zerrinnen auch die Selbsterhaltungs-Mechanismen, die das verfolgte Bewusstsein zu schützen hätten. Stattdessen beginnt es, fremden Hass als Eigenes mißzuverstehen. Sich nicht nur an ihn anzupassen wird von ihm verlangt, sondern dessen Eliminierungsfuror vollständig auf sich selbst - als zurecht gehasstes Subjekt - zu richten, ist erklärtes Ziel jedweden HASSES; verborgen wirkend und subkutan agierend wohlgemerkt. Der perfekte HASS ist derjenige, dem es gelingt, unter der Maske wohlanständig-konstruktiver Kritik das Gegenteil zu erreichen: die Vernichtung des gehassten Objekts. (Der Antisemit Richard Wagner hat das am Ende seiner Hetzschrift „Das Judenthum in der Musik" (1869) perfekt auf den Punkt gebracht: indem er die Juden auffordert ihrer eigenen Vernichtung nicht nur zuzustimmen, sondern als erstrebenswerte Er- und Endlösung anzuerkennen, verlangt er von ihnen, ihre bloße Existenz als vernichtungswürdig zu internalisieren und umzusetzen. Perfider als bei diesem (nebenbei auch komponierenden) Antisemiten kann sich HASS, der als „Regeneration" und „Erlösung" zu tarnen sich sucht, kaum in Erscheinung treten.) Das Versagen seelischer Selbstimmunisierung (in den Verfolgten) hinterläßt Zerstörungen, die kein Schlaf, keine „Auszeit", kein Urlaub jemals zu reparieren imstande sind. Der HASS der Anderen hört niemals auf. Er ist nicht abzuschaffen. Auf ewig bleibt er und richtet sein Unheil an. Dem HASS der Anderen auszuweichen ist darum überlebensnotwendig für die Gehassten. Aber HASS ist nicht nur unaufhörlich, sondern auch ein chronischer Verfolger, ein erfolgreicher Jäger, der seine Opfer mit gnadenloser Selbstsicherheit sucht, aufspürt, findet und exekutiert (auch und vor allem in Abwesenheit der Opfer). Der chronischen Müdigkeit der chronisch Verfolgten wachsen gewaltige Anstrengungen hinzu, die ihre chronischen Verdrängungsbemühungen begleiten. Um angesichts dieser nicht endenden, monströsen (Selbst)Überforderung überlebensfähig zu bleiben, - um sich wenigstens Überlebensfähigkeit zu suggerieren -, muss dem existenziellen Müde-Sein etwas entgegengesetzt werden, das aus Chronisch-Erschöpften lebensbejahende Individuen macht. Ein Ort muss gefunden werden an dem jede Verfolgung aufhört. Dass Verfolgung aufhören muss - um jeden Preis - ist ihre unbedingte Voraussetzung. Der Ort, an dem jede Verfolgung aufhört, heißt ASYL. - Er bleibt bis auf weiteres ein utopisches Postulat.

„Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl", dichtet Hölderlin. Was für eine Art Ort ist „Gesang"? Eine Art klingendes Utopia? Wo befindet es sich? Ist es da, wo man Lieder singt und sich niederlassen kann, weil böse Menschen keine Lieder haben? Finden wir es da, wo Gesang willkommen ist, oder müssen wir anderswo suchen? - eben weil auch böse Menschen Lieder haben und wir keineswegs überall dort willkommen sind, wo gesungen wird. Gesegnet sind diejenigen, die wissen wo „Gesang" und „Asyl" in eins fallen. Wo Niederlassung erlaubt ist und die Gesang-Suchenden zu sich selbst finden. Ist Asyl vielleicht ein A-priori-modus-vivendi, der dem Singenden gegeben ist? Nur ihm? Oder nur IN ihm? Zu finden im dichtenden, schöpferischen Menschen, der über sich hinauswächst, weil er muss? Wäre es doch so einfach und der Volksmund hätte recht, - wir wären eine Menge Probleme los! Positive Identifikation mit „Gesang", weil er DA ist, in einem selbst, unabläßig, sich selbst erschaffend, selbstheilend, selbstlegitimierend, wann immer der zu singen Bedürftige es wünscht. Der Verfügbarkeit immerwährenden Asyls das unbedingte Primat zuzugestehen, im Hier und Jetzt, wann immer das Bedürfnis aufscheint in es einzutreten, - solange bis Asyl sich in Heimat wandelt -, wie herrlich wäre das! Glücklich diejenigen, die durch ihren Gesang Heimat und Asyl in eins zu setzen vermögen. Die selbst da singen können, wo andere verbittern und schweigen. Ist Hölderlins Asyl von dieser Faktur? Wenn ja, dann ist es in hohem Maße autopoietisch, sich selbst erschaffend, intrinsisch, mächtig.

Eine andere Art von Asyl ist das der Selbstunsichtbarmachung. Eine Selbstunsichtbarmachung ohne Bitterkeit. Eine, der die Bereitschaft vorausgesetzt werden muss, sich ihrer Umgebung anzuverwandeln. Mystiker aller Couleur haben diese Neigung seit Alters her verinnerlicht. Ihnen darf unterstellt werden, dass ihr Streben und Tun einzig dem Ziel dient, sich verschmelzen zu dürfen mit dem Sehnsuchtsziel ihrer Wünsche: GOTT, NATUR, LICHT, SEIN - und alles dies in unverstellter REINHEIT. Unabläßig suchend verlangen sie nach der Auflösung ihres Bisher-Gewesenseins. Grenzen, die die Unzulänglichkeit ihres bisherigen Gewesen-Seins ummauerten, sollen überwunden werden, der Drang das Trennende zwischen sich und dem Ersehnten aufzulösen, übergroß. Endlich einzutauchen in das Medium des Noch-nicht-Erreichten ist sehnlichster Wunsch. Einzugehen in ein alles überwindendes ALLES, das Grenzen verschwinden läßt, das das ICH von seiner beschwerlichen Bürde der Seins-Sicherung entbindet, das dem LEIB das endgültige Loslassen von Leid und Schmerz erlaubt, das dem VERSPRECHEN glaubt, hinter trennenden Grenzen die unhintergehbare Gleichheit von GOTT, NATUR, SEIN, LICHT und MIR als unsagbar Freude bringendes REINES finden zu dürfen, das alles überstrahlt, überdauert und erneuert, was bisher meinen Leib, mein Ich, mein So-Sein niederdrückte, ist grundlegender ANTRIEB aller SEINS-Überwindungsversuche. Seins-Überwindung ist der radikalste Versuch der Selbstverunsichtbarmachung. Selbstunsichtbarmachungen dieser Art sind Suizide ohne Verwesung, zumindest ohne für andere sichtbare. Selbstunsichtbarmachungen sind gelingende Transformationen in neue MEDIEN, deren innere Strukturen nicht nur bereit und offen sind, die neuen Inhabitanten willkommen zu heißen, sondern die, mehr noch, den Neuankömmlingen gelingende Verschmelzungen garantieren. Verschmelzungen mit allem, was zuvor als elementare Seins-MÄNGEL schmerzlich vermißt wurde. GOTT. NATUR. SEIN. LICHT. REINHEIT. Gelingende Verschmelzungen sind EINS-Werdungen von Medium und Ich; gelingende EINS-Werdungen sind solche, die (auch) sprachlich nicht länger unterscheiden zwischen MEDIUM und SUBJEKT. Von MEDIUM und ICH weiterhin zu sprechen, bedeutet schon den Verlust der ersehnten REINHEIT. Nicht länger mehr-als-eins sind WIR, sondern EINS - nur EINS sind wir. Aber nicht einmal EINS sind wir, sondern ES. Nicht länger ES sind wir, sondern - ein NEUES! - Vergessen werden bei alledem sollte nicht, dass die Überwindung jeder Grenze hin zum EINTAUCHEN in das neue ALLES, der absoluten und unbedingten Aufgabe jedweder ICHHEIT gleichkommt. (Im Zusammenhang mit Hölderlins „Wahnsinn" wird auch von „Entichung" gesprochen (nach 1807). War Hölderlin ein radikaler Mystiker?) Wer an sich festhält, wird dem ALLES nie begegnen. Wer sich als SUBJEKT nicht aufzugeben bereit ist, wird dem ALLES nie begegnen. Wer nur den kleinsten Rest WELT in sich aufzubewahren sucht, wird ALLES verlieren. Eine Selbstunsichtbarmachung ohne Bitterkeit nur dann, wenn dem Suizid ohne Verwesung voraussetzungslos zugestimmt wird. Aber wer will ein solches Leben? - Ein bis auf weiteres utopisches Postulat. -

Von welchem ASYL (also) reden wir?

Von dem eines Dichters, der vor unseren Augen ein Asyl (er)findet, das - dem irdischen Herbst zum Verwechseln ähnlich - als herrliches Antlitz einer jahreszeitlichen Gottheit erscheint. Hölderlins Asyl ist der ideale Spaziergang durch eine leuchtende Welt, die, obschon sie sterbend dahinwelkt, vor Schönheit strahlt. Das, was vor unseren Augen entsteht, ist reine, unverstellte - Heimat, im emphatischsten Wortsinn. Der altvertraute, stille Gang durch die heimatlichen Gefilde, ist ein Gang durch eine stabil-geordnete Welt, die sich ohne Makel unseren Blicken darbietet. Eine Stabilität, die im immer wiederkehrenden, verläßlichen Wechsel der Jahreszeiten sich äußert, ist eine, die dem unruhigen Geist, dem Fliehenden, dem Rastlosen das verschafft, was er am dringlichsten braucht: Sicherheit. Überquellende Fülle und Farbigkeit des ertragreichen Herbstes sind Ausdruck jener Sicherheit, die dem Zufriedenen seine Zufriedenheit bescheren, die sein Gut hat reifen lassen. Sicherheit, die entsteht, weil der durch die Welt Wandelnde sich im Einklang weiß mit der Ordnung, die ihn umgibt. Zufriedenheit, die sich einstellt, weil die den Wandernden umgebende Ordnung GUT ist - so wie Gott die Gutheit seiner Schöpfung an jedem Schöpfungstag hat zufrieden feststellen können. In einer guten Welt sind Stabilität und Ordnung von alleine sich einstellende Werte. Jahreszeiten sind Ausdruck dieser guten Ordnung, die in ihrer verläßlichen Abfolge Zufriedenheit ermöglicht. Ohne Ordnung keine Gutheit, ohne Gutheit keine Zufriedenheit. Ein Herbst in dessen leuchtender Rotheit das Obst sich seiner Ernte freudig entgegenstreckt, in dem das fallende Laub der Erde den Dank zollt, der ihr gebührt, - samt „holder Blüten", die nicht im Frühling, sondern im Herbst ihre wehende Pracht entfalten -, ein Herbst in dessen beseelter Schönheit selbst die Einsamkeit des einsam hinaus Wandelnden Glück verheißt, in dem Erinnerungen die Stirn bekränzen, die herzlich willkommen sind, weil sie nicht verdrängt werden müssen, weil sie kein Leid verursachen und den Wandernden belasten, ein Herbst, der den Fleißigen ihr Gut hat reifen lassen, das rot und golden aller frohen Mühe wert ist, ein Herbst, der in seiner Überfülle reinen glückspendenden Segen verheißt, einen Segen der Erde (Knut Hamsun) wie er herrlicher nicht sein kann, ein Herbst dieser Art ist - GUT. Der wandernde Dichter ist eins mit ihm und nichts vermag ihn aus der leuchtenden Sphäre zu lösen. Da ich des Dichters wunderbare Verse lesen darf, bin auch ich aufgerufen ihm in die gute, leuchtende Welt zu folgen. Gesegnet bin also auch ich, wenn dem Dichter das Goldene zuleuchtet. Zufrieden bin auch ich, wenn eine gesegnete Freude ihn anweht. So wie er beginne auch ich goldene Gutheit überall zu entdecken, wo immer sie sich offenbart: in den Wipfeln, im sterbenden Laub, im Wehen des Lüftchens, im Rascheln der Blätter, in den fallenden Blüten, die die Erde freudig als Dankopfer annimmt. Auf ewig, solange diese göttlichen Verse bestehen, bin ich unablösbarer Teil jener Welt, in der Alter, Verwelken, Sterben und Tod auf ewig verbunden sind mit SCHÖNHEIT. Im Zauber dieser gesegneten Schönheit, die im Gesang des Dichters für immer gewärtig bleibt, lerne ich, dass das Abschiednehmen von der Erde leicht ist. Das Asyl des Dichters ist reine, unverstellte SCHÖNHEIT - unzerstörbar in ihrer fernen Unerreichbarkeit. Eine Schönheit, die Abschiednehmen und Sterben leicht macht. - Aber wird es das: leicht? -

Das Asyl des jüdisch geborenen und später kommunistischen Komponisten Hanns Eisler war ein jahrelang konkret erfahrenes. In den 64 Jahren, die Eisler lebte (1898-1962), war er selten mehr als einige Monate an einem Ort. Eislers äußeres Asyl, d.h. seine Flucht aus Deutschland, begann im Januar 1933 kurz vor der Machtübernahme Hitlers und führte ihn über Österreich, die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, Belgien, Holland, Frankreich, Dänemark, England, Spanien schließlich in die USA, in die er und seine Frau 1938 endgültig übersiedelten. Auch dort blieb er ständig in Bewegung, was nicht nur an den wechselnden Bedingungen, die seine Arbeit als (Film)Komponist mit sich brachte, lag, sondern auch damit verbunden war, dass er als Kommunist unter ständiger Beobachtung des FBI mit Visa-Schwierigkeiten und Aufenthaltsgenehmigungen zu kämpfen hatte. Immer wieder musste er wegen fehlender Dokumente nach Mexiko ausweichen. Aufgrund seiner Bekanntheit und dem Erfolg seiner Filmmusiken (die mitunter ungeliebt als „Brotarbeit" bezeichnet wurden) konnte er sich nach und nach in den USA etablieren. Seine Frau Lou Eisler und er führten, so gut sie konnten, ein offenes, gastfreundliches Haus. 1943 gelang ihnen, sogar ein Haus in Pacific Palisades in unmittelbarer Nähe zu Thomas Manns Domizil zu kaufen. Immer wieder traf sich bei den Eislers die europäische, insbesondere die deutsche, Kulturelite zum kontinuierlichen Austausch. Hervorzuheben ist, neben der fast lebenslangen Freundschaft und Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, die gemeinsame Arbeit mit Theodor W. Adorno an einem filmmusikalischen Projekt, das bis heute kaum erreichte ästhetische Maßstäbe definiert. Nachlesbares Ergebnis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit ist das Buch „Komposition für den Film", das 1947 veröffentlicht und durch die Internationale Hanns-Eisler-Gesellschaft 2006 im Suhrkamp-Verlag wieder aufgelegt wurde. Erst 1948 kamen die Eislers zurück nach Europa, zunächst in Wien lebend, übersiedelten sie 1949 nach Ostberlin. Wie zahlreichen anderen links-intellektuellen, liberalen, jüdischen und kommunistischen Künstlerinnen und Künstlern auch, haben ihm zahlreiche Länder und Institutionen Asyl gewährt, oft ohne von Dauer zu sein (was insbesondere für das Entstehungsjahr 1939 des Hölderlin-Liedes ASYL gilt)! Sicherheit zu empfinden und in Sicherheit zu leben war in der gesamten Zeit ein kostbares Gut. Vor allem Eislers unglaubliche Arbeitsdisziplin und ästhetische Unbeirrbarkeit haben ihm zu überleben geholfen. -

Die junge Mutter TZEELA GEZ war dort zuhause, wo sie sich (als Jüdin) und ihre Familie sicher glauben durfte - in Israel! Auf der Fahrt zum Krankenhaus, wo sie ihr viertes Kind zur Welt bringen sollte, schoß ein palästinensischer Terrorist auf das Fahrzeug. Tzeela wurde schwer getroffen und starb wenige Stunden später an ihren Verletzungen (14.05.2025). Ihr kleiner Sohn RAVID CHAIM konnte zwar zunächst gerettet werden, starb aber ebenfalls zwei Wochen nach dem Tod seiner Mutter (29.05.2025). Die sicher geglaubte Heimat war und ist es nicht.

Der Autor dieser Zeilen und Komponist des o.s. Werkes hat (bislang) nie ein ASYL wie das Eisler'sche / Hölderlin'sche oder ein bedrohtes Zuhause wie das der Familie Gez erleben müssen. Stattdessen hat er „am sicheren Herd in rühmlicher Heimat" gelebt. Was für ein Privileg! Wie kann unter dieser Prämisse eine Vertonung der Eisler-Hölderlin-Verse gestattet sein? Wie sollte eine Vertonung gelingen, der es an persönlicher Erfahrung von Todesdrohung, Flucht und Existenzangst mangelt? Ich weiß es nicht. Und weil ich es nicht weiß, habe ich auch lange keinen Versuch unternommen es zu wagen. Der Wunsch war dennoch immer sehr präsent genau diese Verse in etwas Anderes weiterzudenken, das nicht nur dem Dichter, sondern (dann) auch mir gehören würde. Auch hier hat der Tod meiner beiden jüngeren Brüder (2020, 2024) eine radikale Veränderung herbeigeführt. Angesichts der Tatsache, dass sich Sterbereihenfolgen dramatisch änderten, haben sich Überlegungen in den Vordergrund gedrängt, die vorher nicht gedacht wurden. Nicht länger Furcht und Vorsicht etwas (ästhetisch) Unerlaubtes zu tun, sind wirksam, sondern die Erkenntnis, endlich das zu tun, was notwendig ist. Und das, was notwendig ist, kann außer mir niemand definieren. So einfach ist das und so schwer. - (D.H. Juli 2025)